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Oh Du schlecht designte! Warum Weihnachten die UI-Hölle ist – aber gleichzeitig der UX-Himmel

Wir haben Weihnachten aus Design-Perspektive durchleuchtet. Ein Desaster in Sachen Usability! Und dennoch ein Paradebeispiel für gelungene User Experience.

Na, wie war Ihr Weihnachtsfest? Liegen Sie nun auch, besinnungslos und benommen von zu viel Essen, Trinken und Familie, auf dem Sofa und genießen endlich die Ruhe? Na, dann lassen Sie uns doch einmal das Weihnachtsfest Revue passieren – und zwar aus der Perspektive des Designers. Wie gut sind Aufmachung und grafische Gestaltung, also das User Interface der Feiertage? Und wie lassen sie sich bedienen, navigieren, er- und vor allem überleben – wie gut ist also die User Experience der Marke Weihnachten?

Machen wir die Probe aufs Exempel.

Die Weihnachtskarten: Das Grauen beginnt auf Pappe und Papier. Gute, funktionierende Schriftarten? Fehlanzeige. Kontrast? Anscheinend überbewertet. Klare Formen für eine einfache Benutzerführung? Sucht man vergebens. Stattdessen nur Klimbim, Schleifchen und Trallala. Als Designer erblinde ich beim Blick auf das Weihnachtskarten-Elend: Denn Farben sollten immer zweckgebunden eingesetzt werden!

Die Geschenkverpackung: Gut, sie sind meist nett anzusehen und lassen Herzen höherschlagen. Aber sobald es ans Auspacken geht, beginnt das Gefrickel: Papier wird sinnlos zerstört und stapelt sich ganz und gar unsinnlich in der Ecke des Wohnzimmers. Und kein Wort bitte vom verfluchten Klebeband! Denn ich darf aus leidvoller persönlicher Erfahrung verraten: Wenn Gestalter denken, dass sie gute Gestalter sind und Geschenke besonders elegant einpacken wollen – dann ist das zum Scheitern verurteilt. Weil sie ihre Unfähigkeit mit noch mehr Klebeband zu verstecken versuchen!

Die Ornamente: Schon im Jahre 1908 stellte Adolf Loos fest: „Ornament ist vergeudete Arbeitskraft und dadurch vergeudete Gesundheit … Heute bedeutet es auch vergeudetes Material und beides bedeutet vergeudetes Kapital … Der moderne Mensch, der Mensch mit den modernen Nerven, braucht das Ornament nicht, er verabscheut es.“ Passenderweise trug sein Werk den Titel: Ornament und Verbrechen. Nun muss man Schmuckwerk nicht gleich inbrünstig hassen – aber etwas weniger wäre gerade an Weihnachten wünschenswert.

Der Tannenbaum: Er pikst gemeingefährlich, verliert seine Nadeln, sie verteilen sich in allen Ritzen des Hauses und auch seiner Bewohner. Wer hat sich diesen Schwachsinn ausgedacht: Nadelgesträuch zu fällen und in der eigenen Wohnstätte trocken zu lagern? Mit dem Weihnachtsbaum ist’s wie mit so mancher Website: schön anzusehen, aber schlecht zu bedienen.

Die Verpflegung: Man werfe einen Blick auf den üppig gedeckten Tisch, und siehe da: Zu viel visuelles Rauschen, zu viel Auswahl – Auge und Magen werden überfordert. Sinnliche Übersättigung wie sonst nur alle anderen Jahreszeiten zusammen – nein, das ist wahrlich keine gute User Experience. Ein gutes Design braucht Weißraum, Weißraum, Weißraum – und zwar nicht in Form von Schnee, sondern Luft zum Atmen!

Der erfahrende Designer weiß: Weniger ist mehr, auch der Leber zuliebe.

Die akustische Begleitung: Sounddesigner sind der neueste Chic, wenn es um Markenbildung geht. Motorengeräusche etwa sind heutzutage Teil der Erfahrung des Autokaufs und -besitzes. Jedoch stellt sich auch schnell heraus: Sound und Atmo sollten nur den absoluten Profis vorbehalten sein. Oder mögen Sie das scheinfromme Gejaule in der Kirche oder plärrende Grußkarten? Aus Nutzerperspektive bleibt hier nur eine Option: Ein Schweigegelübde für alle gutbesuchten Gottesdienste – mit Ausnahme des Gebets vielleicht!

Trotzdem eine großartige Marken-Erfahrung

Allerdings, stopp, wir müssen unserem harschen Urteil über das wahrlich unpraktische Design von Weihnachten eine wichtige Erkenntnis hinzufügen. Denn wir müssen ehrlich einräumen: Weihnachten als Marke funktioniert! Die fachliche Qualität des visuellen Erlebnisses (wie auch Geräusche und Gerüche) ist letztendlich zweitrangig. Denn wie bei jedem Markenerlebnis steht die Nützlichkeit im Vordergrund. Und da geht es an Weihnachten um: Besinnung, Familie und Ruhe.

Und verdammt noch mal, es funktioniert! Die Marke Weihnachten hat Haltung, ein klares Alleinstellungsmerkmal und hält ihr Versprechen – Jahr für Jahr.

Ja: Bei Lichte betrachtet ist das User Interface von Weihnachten schlichtweg dilettantisch. Aber da es ja nur bei Kerzenlicht, benommen vom Räucherkerzenduft? betrachtet wird und die Marke zudem noch unfassbar sympathisch ist, muss selbst der Autor zugeben: Die Overall Experience funktioniert trotzdem.

Hach.