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Digitalisierung in Singapur: Der menschengemachte Ort

Asien überholt Europa in der Digitalisierung – aber jedes Land dort findet seinen eigenen Weg. Singapur etwa lebt von einem unvergleichlichen Willen, die Welt nach den Vorstellungen der Menschen zu formen.

Dieser Text ist Teil einer Serie über die Digitalisierung in Asien.
Lesen Sie hier den Beitrag über China.

Die Städte Asiens sind dichter, größer, bunter als die meisten Metropolen Europas. Doch Singapur toppt die meisten Superlative. Der Stadtstaat Singapur, kleinstes Land Südostasiens, Stadt- und Inselstaat gleichermaßen, ist eines der reichsten Länder der Welt, auf dem Entwicklungsindex auf Platz neun (und damit noch vor den Niederlanden, Dänemark oder den USA).

Und: Singapur ist einer der am dichtesten besiedelten Flecken der Erde. Fünfeinhalb Millionen Einwohner tummeln sich auf den 719 Quadratkilometern Fläche – unwesentlich größer als Hamburg und deutlich kleiner als Berlin.

Scharnier zwischen Ost und West

Diese Dichte führt zu einem bunten Potpourri an Kulturen und Ideen. Am ehesten lässt sich Singapur noch mit dem Schmelztiegel Dubai vergleichen: Hier tummeln sich allerlei asiatische Ethnien auf engstem Raum, Inder, Malaisen und Chinesen – die Stadt ist eine neuzeitliche Version des biblischen Babylons. Allerdings deutlich friedlicher: Die Bewohner von Singapur, egal welcher Herkunft, identifizieren sich mit der Stadt und sind stolz auf sie.

Schon auf der Taxifahrt vom Flughafen schimmert dieser Stolz durch – denn anders als etwa in China sind die Fahrer offen und freundlich. Und sprechen natürlich Englisch, eine der offiziellen Amtssprachen – wodurch die Anbindung an die westliche Hemisphäre deutlich leichter fällt. Der Mann bringt die Essenz der Stadt auf den Punkt: „In Singapur ist die Natur ‚man-made‘!“

Überdreht und künstlich

Tatsächlich ist so gut wie nichts in der Stadt wirklich natürlichen Ursprungs, alles ist künstlich erschaffen. Vielleicht auch deswegen stehen Business und Kommerz so sehr im Vordergrund. Fast überall finden sich Shopping Malls. Und zwar in Dimensionen, wie sie sich klein Europäer – und vielleicht auch kaum ein US-Amerikaner – vorstellen kann: mit innenliegenden Parks und Wasserfällen über mehrere Stockwerke. Dagegen sind die Wasserspiele im New Yorker Trump Tower geradezu mickrig. Künstliche Bäume, sogenannte Supertrees, wuchern in überdachten Hallen mit kompletten Wäldern – hier hat sich der Mensch die Natur wahrlich und endgültig zum Untertanen gemacht.

Auch daher rührt die babylonische Stimmung: Was den Kommerz und die Künstlichkeit betrifft, fühlt sich Singapur nun doch wieder wie ein Sündenfall, wie auf die Spitze getriebene Perversion an. Mammon ist die Religion, der Mensch ist auf dem besten Wege zum Göttlichen.

Dieses kleine Land, so verschwindend gering seine Bevölkerung und seine Fläche in asiatischen Vergleich sein mögen, lenkt getrieben von seiner Dienstleistungsbranche den Fokus auf die wichtigen Fragen der Zukunft: Automatisierung und KI. Und auch hier denkt man so groß wie möglich.

Hier in Singapur wird noch greifbarer als anderswo in Asien: Man wagt absonderliche Dinge und lebt Träume, die in Europa in dieser Form nicht (mehr) möglich sind oder scheinen.

Ist ein Blick nach Singapur vielleicht auch ein Blick in die ferne Zukunft europäischer Metropolen? Oder doch nur ein Blick in eine alternative Realität, die schon lange an uns vorbeigezogen ist – ein „Hätte, wäre, wenn?“

Unter der knallbunten, hypermodernen Oberfläche Singapurs verbirgt sich allerdings auch eine Zutat, die mittelfristig für Spannungen sorgen könnte. Immer wieder spürt man den Einfluss Chinas. Das liegt nicht nur daran, dass Chinesisch die andere Amtssprache ist.

Singapur investiert massiv in Forschung und fördert junge Geschäftsideen. In der Folge entstehen überall Start-Ups – und zwar solche, die die Möglichkeiten der Digitalisierung bis zum Rande des Machbaren ausloten. Von Unternehmen wie TenX, die die Sicherheit von Kryptowährungen mit der Einfachheit von Kreditkarten kombinieren, bis hin zu Firmen wie Trax, einer Bilderkennungs-Software für den Einzelhandel, tummeln sich hier die wildesten Ideen. Nicht umsonst zieht es sogar deutsche Gründungen in die Stadt: Förderung und Infrastruktur sind vor Ort einfach besser als in München oder Berlin. Trotz der extrem hohen Mieten.

Die nahezu perfekte Infrastruktur hat einen Grund: Geld – auch und besonders aus China. Die Investments des großen Nachbarn sind beinahe überall sehr sichtbar.

Diese Abhängigkeit könnte sich in Zukunft rächen.

Und natürlich hat das Land mit einer anderen Limitierung zu kämpfen: seiner überschaubaren Fläche. Aber schließlich ist man in Singapur: Und hier bestimmt der Mensch über die Natur. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis der Stadtstaat Berlin endgültig überholt hat – und zwar auch in Sachen Quadratkilometer.

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Gründer und Entwickler-Kopf. Weiß jeden Moment und jede Begegnung zu schätzen.
Leipzig