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Künstliche Intelligenz? Hat keinen Geschmack!

Vorspann
Maschinen können kein Design. Denn sie verstehen nicht, wie Menschen ticken – sie imitieren nur. Mitdenker sind gefragt.

Schöne neue Welt: Persönliche Sprachassistenten bestellen Hosen auf Zuruf, Zeitungen lassen Meldungen automatisch verfassen. Programme bewerten Verträge zuverlässiger als so mancher Anwalt, bei medizinischen Diagnosen sind Rechner uns ebenfalls voraus. Das Zeitalter der Künstlichen Intelligenz ist angebrochen.

Können Maschinen also alles besser als wir?

Auf keinen Fall. Ich bin Designer – und vertrete klare Meinungen. Und ich bin der festen Überzeugung, dass Maschinen mich nicht ersetzen werden. Zwar sagen das Vertreter vieler anderer Berufsgruppen ebenfalls. Aber ich habe gute Gründe, an die menschlichen Komponente meines Berufes zu glauben. Denn für mich besteht Design vor allem aus den Kompetenzen: Zuhören und Verstehen, Konzipieren und Entwerfen, und Kreieren und Entwickeln – aber der Reihe nach.

Erstens: Der Mensch ist der bessere Designer, denn nur Menschen verstehen die Denkweise von Menschen.

Wir produzieren für Menschen, also müssen auch Menschen gestalten – und keine Maschinen. Denn eine KI wird niemals begreifen, wie Menschen mit ihrer Umwelt und Oberflächen und Objekten interagieren. Keine Maschine kann bisher den Nutzen einer Sache so verstehen und sie gleichzeitig in ihrer Ästhetik begreifen, insbesondere durch den zwischenmenschlichen Austausch. Nehmen wir ein Gebäude: Eine KI wird vielleicht verstehen, dass es Menschen hilft, sich vor Wind und Wetter zu schützen. Doch sie kann das (bisher) nicht selbst erfahren – noch beurteilen, ob Ornamente, Lichteinfall oder Materialien dem menschlichen Auge schmeicheln.

Überspitzt gesagt: Künstliche Intelligenz hat keinen Geschmack – und kann nicht zuhören.

Das haben auch die ganz Großen im Netz verstanden und drehen den Spieß um. People first – so lautet die gestalterische Maxime von Facebook. Sie ziehen also aus der Interaktion ihrer Nutzer Schlüsse auf das Design. Facebook wurde erst durch diese konsequente Auswertung des Verhaltens von Milliarden von Anwendern zu der heutigen erfolgreichen Plattform. Und dies geschah nicht durch künstliche Intelligenz, sondern durch Mitarbeiter und Nutzerfeedback.

Zweitens: Bei aller Liebe zur Technik – am Ende muss sowieso der Mensch als Nutzer im Mittelpunkt stehen.

Sollten wir also beim Konzipieren und Entwerfen statt der Technik den Menschen in den Mittelpunkt stellen? Einige Vordenker sind klar dafür und haben dafür bereits den digitalen Humanismus ausgerufen. Statt funktionalem Brutalismus, die Macht der Maschinen und ihre Rechenkraft als die einzige Wahrheit anerkennt, plädieren sie für einen „grundlegenden Paradigmenwechsel in den Informations- und Kommunikationstechnologien“. Das sei insbesondere im dämmernden Zeitalter des Internet of Things ein Muss: Bisher drehe sich viel zu viel um Technologie und ihre Versprechen, wenn eigentlich der Mensch und seine Bedürfnisse im Vordergrund stehen sollten.

Gefühl statt Gigaflops: Design ist der Schlüssel dazu. Gutes Design schafft es, technische Errungenschaften und Innovationen für den Menschen zugänglich und nutzbar zu machen – durch klare Oberflächen und Reduktion aufs Wesentliche. Wesentlich ist dafür, dass man nicht nur oberflächliche Bedürfnisse erfüllt, sondern auch durch Hinterfragen, Diskussion und ja, auch Reibung, die richtige Herangehensweise findet. Nur so kann Design zum funktionierenden Transferriemen zwischen Technik und Mensch werden. Und diesen Prozess des Erarbeitens einer Herangehensweise kann keine Maschine alleine leisten.

Drittens: Der Wettbewerb bevorzugt kreative Lösungen – Design und Nutzererfahrung sind ein Unterscheidungsmerkmal besonders auf reifen Märkten.

Wenn sich Produkte und Services kaum noch unterscheiden, setzt sich das Angebot durch, das dem Nutzer das beste Erlebnis bietet. In der Digitalbranche sind Standards immer noch die regelmäßige Ausnahme. Dennoch lässt sich langsam ein Reifegrad etwa bei der Kreation und Entwicklung von Web-Oberflächen oder Apps erkennen. Und die Spreu trennt sich vom Weizen: Denn wer seinem Webshop oder seiner Mobile App kein durchdachtes – gelerntes – Design verpasst, geht in der Fülle der Angebote sofort unter.

Künstliche Intelligenz ist sicherlich praktisch, und erleichtert bereits heute vielen Menschen die Arbeit – auch bei uns im Design. Das aufziehende Maschinenzeitalter wird deswegen alle die das Fürchten lehren, die sich mit einer systematisierbaren Tätigkeit beschäftigen. Schlechte Nachrichten also für InDesign-Jenspeter und Photoshop-Annekathrin die nur irgendwie hübsch machen, statt auch mal mitzudenken. Keinesfalls aber wird der Computer eigenständige Entscheidungen über die visuelle Identität eines Produktes fällen.

Denn Design ist für Menschen.