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Rückstand im Breitband: Erst nachdenken, dann ausbauen!

Pünktlich zur Bundestagswahl 2017 übertreffen sich die Parteien mit Forderungen zur Digitalisierung. Wir denken: Lasst auch die Wirtschaft zu Wort kommen! Nun denn: Hier unsere Thesen und Vorschläge, was sich in den kommenden Jahren bewegen müsste – aus der unternehmerischen Sicht. Teil 1: Wie der Breitband-Ausbau sinnvoll zu stemmen wäre.

  • Der Funkstandard 4G könnte zum Schlüssel für den Breitbandausbau werden
  • Er könnte in dünn besiedelten Regionen sinnlos teure Kabel vermeiden
  • Entlang von Verkehrsadern wird 5G eminent wichtig – für autonomes Fahren

Lesedauer: 3 Minuten

Im Chor fordern Politiker seit Jahren: Wir brauchen mehr Breitbandausbau! Ganz ehrlich: Wer kann es noch hören, ohne sich an den Kopf zu packen? Denn spätestens jetzt zum Ende der Legislaturperiode wird klar, dass die Versprechungen der letzten Jahre wieder nicht gehalten werden konnten.

Ich kenne Menschen, die in abgelegenen Ecken auf dem Land von schnellem Internet nur träumen können. Sie haben es satt. Seit Jahren verspricht man Ihnen schnelles kabelgebundenes Internet auf dem Land. Sie hören von Millionen, die beantragt, bereitgestellt, verbaut sein sollen. Alleine: Sie zuzeln weiterhin das bisschen Daten über eine extrem schwache und wackelige Edge-Funkverbindung. Mailanhänge und Grafiken werden zur Geduldsprobe. Anspruchsvollere Aufgaben wie etwa Streaming? Können sie vergessen. Keine Stunde von Leipzig entfernt lebt es sich informations-infrastrukturell wie in den frühen 90er Jahren.

Die Herangehensweise der Politik ist allerdings auch völlig falsch. Sie weckt mit ihren Aussagen überhöhte Erwartungen. Denn keine Gesellschaft will für ein paar hundert Mitbürger Kabel im Wert von hunderttausenden von Euro verbauen.

Es ist eine einfache marktwirtschaftliche Rechnung. Nehmen wir an, ein Netzbetreiber möchte einen 1000-Seelen-Ort anbinden. Von den rund 300 Haushalten werden sich etwa 100 für diesen Anbieter entscheiden. Zahlen diese brav ihre monatliche 30-Euro-Rechnung, so rentiert sich das Verlegen von Glasfaser nach schlappen 16 Jahren. In solchen Zeiträumen mag ein Technologieunternehmen nicht rechnen.

Deswegen mein Appell an Politik und Netzbetreiber: Bitte denkt doch erst einmal über das Werkzeug nach, bevor ihr es einsetzt. Breitbandausbau ist nämlich nicht gleich Breitbandausbau. Kosten und Nutzen müssen sich vor allem bei einem flächendeckenden schnellen Datennetz in Waage halten. Und es gibt eben nicht nur Kupfer und Glasfaser, um Menschen den Zugriff aufs Internet zu ermöglichen.

Was ist mit einem klugen Ausbau eines engmaschigen 4G-Funknetzes? So bekomme ich seit einiger Zeit hervorragenden Zugang zum schnellen Netz. Ich lebe in einer Ortschaft am Rande von Leipzig, und dank LTE ist mein Bedürfnis nach Glasfaser eher überschaubar. Man sieht: Mit cleverer Planung zielgerichteter Funkzellen können ländlichere Siedlungen mit geringen gesellschaftlichen Kosten angebunden werden. Dabei baut 4G teilweise auf dem vorhergehenden UMTS-Standard auf, die Technik ist etabliert und erprobt und daher relativ kostengünstig. Mit einem Radius von bis zu zehn Kilometern lassen sich hier auch größere Flächen im ländlichen Raum schlagartig abdecken. Natürlich braucht es am Mast wieder Glasfaser – aber eben nur dort, punktuell und nicht überall.

Eine der Hürden, die es dabei zu nehmen gilt: Wie auch vor 15 Jahren bei kabelgebundenem Breitband müssen wir weg von der Mentalität, Datenpakete zu zählen. Die Menge der mobilen Daten darf in Zukunft keine Rolle mehr spielen – sondern sollten, so wie heute im Festnetz üblich, als Flatrate abgerechnet werden.

Kurz: Es braucht einen klaren Plan mit klaren Prioritäten für einen landesweiten Ausbau des Mobilfunknetzes der aktuellen Generation – auch als Ersatz für Kabel in ländlichen Regionen.

Gleichzeitig brauchen wir Zukunftstechnologien als Nährboden für Innovation. Denn neben der flächendeckenden Versorgung stehen neue digitale Lösungen, das Internet der Dinge, autonomes Fahren in den Startlöchern, die auf ein verlässliches Breitband-Funknetz mit extrem kurzer Latenz aufbauen. Nehmen wir das Beispiel autonomes Fahren: Hier braucht es stabile, starke, belastungsfähige Netze entlang der großen Verkehrsadern. Denn wie sonst sollen die zahllosen automatisierten Vehikel ihre Daten abgleichen?

Neue Technologien brauchen den richtigen Nährboden. Konkret: Ohne kabelloses Breitband-Netz keine Innovation und kein Wirtschaftswachstum. Um es dramatisch auszudrücken: Das Schicksal der Ingenieursnation Deutschland steht auf dem Spiel.

Beim Breitbandausbau geht es also nicht nur um kostspieliges Verlegen von Glasfaserkabeln. Liebe Verantwortliche: Schaut euch an, welche drahtlosen Möglichkeiten schon heute technisch möglich sind – es gibt eben nicht nur Glasfaser. Und dann muss priorisiert werden: Wo brauche ich welche Technologie? Nur mit kluger Strategie aller Beteiligten aus Politik, Gesellschaft und Wirtschaft können wir den Rückstand im Breitband aufholen.

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Wir müssen den Wind nicht ändern, wir sind der Wind. (Frei nach Aristoteles)
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