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Technologie-Reifegrad: Nicht lockerlassen!

Viele digitale Lösungen werden unter Hochdruck entwickelt. Dabei könnte man viel Geld, Zeit und Nerven sparen, wenn man „Es läuft“ nicht zum Normalmaß erklärt. Ein Plädoyer für Perfektionismus bei digitalen Lösungen.

Der Technologie-Reifegrad – ein Begriff wie aus der Zeit gefallen. Stimmt: Er stammt aus dem Jahr 1988, der Zeit nach dem wilden Innovationsschub durch den Wettlauf ins All. Nun konsolidierte die US-Weltraumbehörde NASA ihre Entwicklung und prägte eben diesen Begriff – im Original technology readiness level genannt. Und dennoch ist er zeitlos: Denn seine Wirkweisen lassen sich heute auf Software und digitale Lösungen anwenden.

Einfach gesagt beschreibt der Technologie-Reifegrad die Stufen, die ein technisches Produkt von der ersten Idee bis zum qualifizierten Betrieb durchläuft – in neun klar definierten Etappen. Maßstab ist dabei nicht nur das, was die Lösung bis zu diesem Zeitpunkt der Entwicklung zu leisten imstande ist. Sondern auch und besonders darum, welche Vorteile sie gegenüber dem Status quo bietet. Es geht also darum, ob sich die Software in der Praxis bewährt – und nützlich ist.

Während der ersten drei Schritte liegen Informationssuche und Design im Fokus. Es folgt in den Schritten drei bis sechs die eigentliche Entwicklung der Lösung. Hier geht es vorrangig darum, das aggregierte Wissen in eine funktionierende Lösung zu gießen.

Und ab hier scheidet sich die Spreu vom Weizen. Denn viele Unternehmen und Institutionen halten den Prozess hier an. Schließlich liegt ein funktionierendes qualifiziertes System vor. Wozu also noch Energie und Ressourcen investieren?

Doch die wirklich wichtige Arbeit beginnt erst jetzt. Denn die Realität ist komplex und dynamisch. Software hingegen statisch.

Der Entwicklungszyklus wirklich gelungener digitaler Lösungen ist deswegen mit dem ersten Ausrollen eines auf dem Papier qualifizierten Systems nicht zu Ende. Auch wenn es seinen primären Zweck unter Betriebsbedingungen innerhalb ursprünglich definierter Parameter erfüllt, folgen noch weitere Schritte auf dem Weg zur reifen Software. Im Mittelpunkt stehen jetzt Qualitätstest sowie die Anpassung an die Realität des alltäglichen Einsatzes.

Es geht nun um den Moment, in dem das Modell – also die Beschreibungen der Anforderungen, welche immer nur eine Vereinfachung der Realität sein können – auf die Realität trifft und das Artefakt angepasst werden muss. An dieser Stelle unterscheidet sich, ob man als Kunde einen Lieferanten oder einen Partner an der Seite hat.

Denn Abliefern – auch eines auf dem Papier qualifizierten Systems – kann nicht genug sein. Der Kunde braucht echte, spürbare, langfristige und nachhaltige Vorteile.

Das klingt wie eine Selbstverständlichkeit – ist es aber nicht. Denn häufig werden digitale Lösungen unter Hochdruck fertiggestellt. Und mit dem Zeitpunkt des Livegangs verschiebt sich der Fokus der Entwickler allzu oft bereits auf die nächste Software.

„Gut“ bemisst sich aber nicht (nur) in Pünktlichkeit und Preis des ersten Releases einer Software-Lösung, sondern in der beiderseitigen partnerschaftlichen Bereitschaft der Entwickler und der Kunden, am Ball zu bleiben. Und die Phase nach dem ersten Meilenstein, dem „Go-live“, weiter gemeinsam anzugehen und die gemeinsame Lösung als lebendes Objekt zu sehen, das gepflegt und gehegt werden muss. Das erste Artefakt wird damit im Laufe der Jahre nur ein kleiner Schritt in der Software-Evolution – täglich grüßt das Release.

Digitale Lösungen sind eben keine statischen Monolithen, die, einmal in Betrieb genommen, auf ewig unveränderlich ihren Dienst abspulen. Ihr großer Vorteil ist eben die Anpassungsfähigkeit. Dafür jedoch braucht es zweierlei: die Erkenntnis auf Seiten der Kunden, dass sie Einfluss nehmen können, dürfen und sollen – und zwar konstruktiv. Und zweitens ein Engagement seitens der Lieferanten – also Entwickler und Betreiber –, durch konstante Verbesserungen ihre Software zur Reife und Perfektion zu bringen.

Meine These: Heutzutage kommt es deswegen weniger auf den Preis und die Pünktlichkeit an, sondern eher auf die Frage, ob ein digitaler Provider in der Lage ist, sich perfekt auf den Kunden einzustellen – und zu verstehen, was er braucht. Und der Kunde ist gefragt: Auch er muss mitplanen, mitdenken, und Verantwortung für seine digitale Lösung spüren.

Ja: Das braucht Zeit und Ressourcen. Und ein Umdenken von „Hauptsache es klappt irgendwie“ auf „Wir lassen nicht locker, auch über den Start hinaus“.

Diese Mentalität fehlt heute oft genug. Es braucht ein neues Bewusstsein für Qualität in der Software-Entwicklung. Die letzten Stufen der Technologie-Reifegrade müssen wieder stärker in den Fokus rücken – „Es läuft“ kann nicht das Maß aller Dinge sein. Wer Software auch nach dem ersten Release Spielraum zur Entwicklung einräumt, macht sie langfristig robuster und erspart sich so später Ärger. Qualität garantiert an dieser Stelle Zukunftssicherheit – und schafft Ihnen den nötigen Spielraum für Entwicklung, Innovation und Veränderung.

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Gründer und Entwickler-Kopf. Weiß jeden Moment und jede Begegnung zu schätzen.
Leipzig