neu

Meine ehrliche Designer-Meinung: Schluss mit dem Designer-Porno!

Design – insbesondere für digitale Oberflächen – ist ein Werkzeug und kein Selbstzweck. Wir müssen anfangen, gutes Design nach seinem Gebrauchswert zu beurteilen – und nicht nur nach ästhetischen Gesichtspunkten.

Seit über 20 Jahren arbeite ich als Designer. Und wie so viele meines Fachs habe ich beruflich und auch privat wirklich eine Schwäche für schöne Dinge. Aber was ich nicht mag, ist dieser eine Satz, den Designer regelmäßig hören:

„Das gefällt mir nicht.“

Denn ganz ehrlich: Ob es Dir gefällt, ist herzlich egal. Und auch, ob es mir als Designer gefällt, ist eher unwichtig. Wichtig sind Fragen wie: Wem muss es denn gefallen? Und woran machen diejenigen fest, ob’s gefällt? Was könnte sie daran stören? Was empfinden sie als praktisch? Was würde sie überraschen?

Und da sind wir auch schon bei einem Kernproblem meiner Zunft: Die meisten Designer gestalten einfach, was ihnen „gefällt“. Bei meinen Studenten sehe ich das zum Beispiel immer wieder – weit über das erste Semester hinaus. Sie gestalten, was aus ihrer Sicht hübsch ist. Und heraus kommen „Designer-Pornos“: echt hot – aber eben nur aus Designer-Sicht. Wer es besser machen will, gestaltet so wie er glaubt, dass es dem Auftraggeber gefällt. Aber auch da gilt: Von seltenen seligen Ausnahmen abgesehen ist der Auftraggeber kein typischer Repräsentant der Zielgruppe, für die da etwas gestaltet werden soll.

Meine Erfahrung lehrt mich: Alle Beteiligten an einer Designaufgabe haben am Anfang eher ein diffuses Bild davon, was genau entstehen soll. Unsere Aufgabe als Designer ist es, das Verschwommene aufzunehmen, zu verstehen, zu interpretieren und scharf zu stellen. Am besten zusammen mit dem Auftraggeber, der kennt sich ja meist schon ganz gut aus. Aber auch im Widerspruch zu ihm, denn der hat zwar vieles im Blick – aber eben nicht immer aus dem Blickwinkel guter Gestaltung.

Und was ist nun gute Gestaltung? Für mich ist es Design, das den Zweck erfüllt. Für Typik sorgt. Und gerne auch noch schön ist. In dieser Reihenfolge. Und die ist gar nicht so einfach einzuhalten. Denn Design-Entscheidungen werden in meinem beruflichen Umfeld noch immer nach persönlichen Bauchgefühl diskutiert und getroffen. Von den Auftraggebern, aber auch von den Designern selbst.

Oft drehen sich die Diskussionen dann nicht um den Gegenstand an sich, sondern nur um ein unwichtiges Detail: „Da haben sie wirklich einen schönen Hammer gestaltet, nur der Griff würde mir in Rot besser gefallen … das ist doch die Farbe der Liebe.“ Nun, Rot ist allerdings auch die Farbe von Blut, Glut, Fliegenpilzen und Warnschildern – wer weiß, wie gut das gefällt? Für die gute Gestaltung des Hammers wäre aber doch erstmal die Frage nach dem Zweck viel entscheidender. Und kommt dabei gerne zu überraschenden Erkenntnissen: „Ach, sie wollen Schrauben damit hineindrehen? Na, wie gut, dass ich gefragt habe …“

Das klingt absurd, aber übertrieben ist es nicht. Statt darum zu ringen, wie das Design die höchste Relevanz für die Zielgruppe erlangen kann, werde ich in meiner Arbeit permanent mit Geschmacksfragen konfrontiert. Dabei ist es ja weder verboten noch schlimm, wenn einem Gestaltung angenehm ins Auge fällt. Aber es sollte weder das einzige noch das erste Thema sein, mit dem sich Gestalter befassen. Gutes Design definiert sich über Nützlichkeit. Es muss in erster Linie funktionieren.

Es geht also nicht um die Frage: Gefällt mir oder nicht. Eher um: Funktioniert das so? Für uns Gestalter bedeutet das vor allem, aufmerksam zu sein und auch den kleinsten Dingen Beachtung zu schenken. Elemente, die sich bewährt haben, sind oft einfacher zu benutzen. Jeder erkennt zum Beispiel das Symbol des Herzens – ja, das ist ein Symbol. Ein echtes Herz sieht nämlich anders aus. Das Symbol war ursprünglich grün, zeigte ein Efeu-Blatt und stand für ewiges Leben. Bewährt hat es sich trotzdem. Und es funktioniert unabhängig von Sprache und Lesefähigkeit. Selbiges gilt für den Sandwichbutton – drei waagrechte Striche –, der schon seit vielen Jahren auf Webseiten zu finden ist. Den allermeisten Betrachtern ist implizit sofort klar: Hier verbirgt sich das Menü.

Und genau darum geht es bei digitalen Oberflächen: Eben nicht an erster Stelle um modernes, schickes Aussehen. Sondern erst einmal um einfach gute Nutzbarkeit. Unsere Aufgabe im User Experience Design – oder kurz UX Design – ist es, die Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine so komfortabel und markenkonform wie möglich zu entwickeln. Wir müssen Schnittstellen erfinden, die organisiert, vereinfacht und gut geregelt sind und ohne unnötige Brüche funktionieren. Damit Design nicht nur alles schöner macht, sondern vor allem nützlicher.

Ich würde mich freuen, wenn ich bei der nächsten Debatte um Design nicht höre: „Das gefällt mir nicht.“ Sondern eher: „Das funktioniert nicht, weil …“. Weniger Emotion, mehr Fakten. Denn das geht auch beim Design.