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Meine ehrliche Designer-Meinung: Schluss mit dem Designer-Porno! [Update 12.09.19]

User Experience Design– kurz: UX Design – ist kein Selbstzweck. Doch was ist gutes UX Design? Die Definition von gutem UX Design bemisst nach seinem Gebrauchswert und nicht nur nach ästhetischen Gesichtspunkten. Vor allem im Web wird das immer wichtiger.

Seit über 20 Jahren arbeite ich als Designer. Und wie so viele meines Fachs habe ich beruflich und auch privat wirklich eine Schwäche für schöne Dinge. Aber was ich nicht mag, ist dieser eine Satz, den Designer regelmäßig hören:

„Das gefällt mir nicht.“

Denn ganz ehrlich: Ob es Dir gefällt, ist herzlich egal. Und auch, ob es mir als Designer gefällt, ist eher unwichtig. Wichtig sind Fragen wie: Wem muss es denn gefallen? Und woran machen diejenigen fest, ob’s gefällt? Was könnte sie daran stören? Was empfinden sie als praktisch? Was würde sie überraschen?

Definition von UX Design

Bevor ich meinen Punkt ausführe, möchte ich jedoch noch einmal kurz umreißen, was UX Design eigentlich ist und was es von anderen Design-Arten unterscheidet. Wir sprechen beim UX Design von der Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine. Die zentrale Frage von UX Design lautet also: Wie gestalte ich Geräte und digitale Oberflächen so, dass meine Zielgruppe und meine Nutzer sie schnell und intuitiv bedienen können? Dabei sind unterschiedliche Punkte zu beachten:

  • Wer ist meine Zielgruppe und welche Vorkenntnisse beim Bedienen bringt sie mit?
  • In welchem Umfeld bewege ich mich und welche Mechaniken sind hier gelernt?
  • Wie ist die Marke in der digitalen Welt etabliert und welche Regeln gibt es bereits? UX Design ist also Design, dass von der Erfahrung des Nutzers her gesteuert ist.

Und damit dringen wir zum Kern des Problems vor: Die Designer oder Auftraggeber sind oft nicht die Nutzer.

Deswegen machen Designer oft kein gutes UX Design

Und da sind wir auch schon bei einem Kernproblem: Die meisten Designer gestalten einfach, was ihnen „gefällt“. Bei meinen Studenten sehe ich das zum Beispiel immer wieder – weit über das erste Semester hinaus. Sie gestalten, was aus ihrer Sicht hübsch ist. Und heraus kommen „Designer-Pornos“: echt hot – aber eben nur aus Designer-Sicht. Leider vernachlässigen sie dabei allzu oft die Tatsache, dass sich kaum ein Normalo intuitiv in solch innovativen Welten zurechtfinden kann.
Wer es besser machen will, gestaltet so, wie er glaubt, dass es dem Auftraggeber gefällt. Aber auch da gilt: Von seltenen seligen Ausnahmen abgesehen ist der Auftraggeber kein typischer Repräsentant der Zielgruppe, für die da etwas gestaltet werden soll. Es geht eben nicht darum, was wir glauben, sondern wie der Nutzer tickt!

UX Design ist ein Prozess

Meine Erfahrung lehrt mich: Alle Beteiligten an einer Designaufgabe haben am Anfang eher ein diffuses Bild davon, was genau entstehen soll. Unsere Aufgabe als Designer ist es, das Verschwommene aufzunehmen, zu verstehen, zu interpretieren und scharf zu stellen. Am besten zusammen mit dem Auftraggeber, der kennt sich ja meist schon ganz gut aus. Aber auch im Widerspruch zu ihm, denn der hat zwar vieles im Blick – aber eben nicht immer aus dem Blickwinkel guter Gestaltung.

Was ist gutes UX Design?

Für mich ist es Design, das den Zweck erfüllt. Für Typik sorgt. Und gerne auch noch schön ist. In dieser Reihenfolge. Und die ist gar nicht so einfach einzuhalten. Denn Design-Entscheidungen werden in meinem beruflichen Umfeld noch immer nach persönlichen Bauchgefühl diskutiert und getroffen. Von den Auftraggebern, aber auch von den Designern selbst.

Was ist wichtig beim UX Design?

Gutes UX Design bemisst sich an Kriterien, die nicht von der Meinung des Auftraggebers oder des Designers abhängig sind. Vielmehr geht es bei gutem UX Design um ganz einfache Fragen:

  • Sind die Symbole und Bedienungswege gelernt & in der Zielgruppe bekannt?
  • Lassen sich die Design-Elemente auf allen unterschiedlichen Plattformen und Endgeräten gleich leicht bedienen?
  • Erfüllt das Design seinen Zweck, steht also die wichtigste Funktion tatsächlich im Fokus?

Die Projekt-Realität sieht dann leider oft anders aus: Da drehen sich die Diskussionen dann in oft nicht um den Gegenstand an sich, sondern nur um ein unwichtiges Detail: „Da haben sie wirklich einen schönen Hammer gestaltet, nur der Griff würde mir in Rot besser gefallen … das ist doch die Farbe der Liebe.“ Nun, Rot ist allerdings auch die Farbe von Blut, Glut, Fliegenpilzen und Warnschildern – wer weiß, wie gut das gefällt? Für die gute Gestaltung des Hammers wäre aber doch erstmal die Frage nach dem Zweck viel entscheidender. Und kommt dabei gerne zu überraschenden Erkenntnissen: „Ach, sie wollen Schrauben damit hineindrehen? Na, wie gut, dass ich gefragt habe …“

Design ist nicht Geschmack

Das klingt absurd, aber übertrieben ist es nicht. Statt darum zu ringen, wie das Design die höchste Relevanz für die Zielgruppe erlangen kann, werde ich in meiner Arbeit permanent mit Geschmacksfragen konfrontiert. Dabei ist es ja weder verboten noch schlimm, wenn einem Gestaltung angenehm ins Auge fällt. Aber es sollte weder das einzige noch das erste Thema sein, mit dem sich Gestalter befassen. Gutes Design definiert sich über Nützlichkeit. Es muss in erster Linie funktionieren.

Design muss vor allem funktionieren

Es geht also nicht um die Frage: Gefällt mir oder nicht. Eher um: Funktioniert das so? Für uns Gestalter bedeutet das vor allem, aufmerksam zu sein und auch den kleinsten Dingen Beachtung zu schenken. Elemente, die sich bewährt haben, sind oft einfacher zu benutzen. Jeder erkennt zum Beispiel das Symbol des Herzens – ja, das ist ein Symbol. Ein echtes Herz sieht nämlich anders aus. Das Symbol war ursprünglich grün, zeigte ein Efeu-Blatt und stand für ewiges Leben. Bewährt hat es sich trotzdem. Und es funktioniert unabhängig von Sprache und Lesefähigkeit. Selbiges gilt für den Sandwichbutton – drei waagrechte Striche –, der schon seit vielen Jahren auf Webseiten zu finden ist. Den allermeisten Betrachtern ist implizit sofort klar: Hier verbirgt sich das Menü.

UX Design ist gute Nutzbarkeit

Und genau darum geht es bei digitalen Oberflächen: Eben nicht an erster Stelle um modernes, schickes Aussehen. Sondern erst einmal um einfach gute Nutzbarkeit. Unsere Aufgabe im User Experience Design – oder kurz UX Design – ist es, die Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine so komfortabel und markenkonform wie möglich zu entwickeln. Wir müssen Schnittstellen erfinden, die organisiert, vereinfacht und gut geregelt sind und ohne unnötige Brüche funktionieren. Damit Design nicht nur alles schöner macht, sondern vor allem nützlicher.

Beim Design zählen Fakten, weniger die Emotion

Ich würde mich freuen, wenn ich bei der nächsten Debatte um Design nicht höre: „Das gefällt mir nicht.“ Sondern eher: „Das funktioniert nicht, weil …“. Weniger Emotion, mehr Fakten. Denn das geht auch beim Design.